Jesenik

Abenteuer Jesenik
Es ist endlich soweit: Freitag Mittag, die Arbeitswoche ist hinter uns, kann es losgehen. Um 14.30 setzen Martin und ich uns von den Grazer Inffeldgründen in Bewegung, etwas zuvor hat sich bereits Michael von Frohnleiten aus auf die Socken gemacht. Es ist der Freitag, der 22. Oktober, ein Fluglager steht an.
Ein Fluglager? Am Freitag, den 22. Oktober?
Auslösend war ein Hinweis von Christian Hynek im streckenflug.at: Es gebe ein Wave-Camp von 16. bis 31. Oktober in Jesenik, hart an der tschechischen Grenze zu Polen. Michael bekam Lust, das auszuprobieren, Norbert, Martin und KG wollten ebenfalls mit. Auf der Jeseniker Homepage fanden sich nicht nur eindrucksvolle Bilder von Wellenflügen, sondern auch eine detaillierte Einweisung samt vielen Details in vier Sprachen tschechisch, polnisch, deutsch und englisch. Warum sollten wir das nicht probieren, wenn wir um die Zeit zwei verlängerte Wochenenden haben? Der Twin wird in die Werkstatt gebracht, am Tag vor der Abfahrt montiert Martin unter tatkräftiger Hilfe eine Sauerstoffversorgung – Flüge bis zu 7000 Meter und mehr sollen möglich sein. Ich widme mich der Waypoint-Datei, Michi hält Kontakt mit Jirina via e-Mail und erledigt die Anmeldung.
Am Freitag sind wir dann doch nur zu dritt: KG fällt krankheitsgeschwächt aus. Es ist ein breiter Weg nach Jesenik – 510 Kilometer laut Google Maps. Als Martin und ich nach Stau in Graz in Arnwiesen bei Gleisdorf die Reifen aufpumpen, ist Michael bereits bei Neunkirchen. Das ist gut, denn wir müssen vor 23 Uhr in Mikulovice (so heißt eigentlich der Ort neben dem Flugplatz) sein, damit das Hotel U Jenela („zum Hirschen“) noch offen hat. Es geht zügig dahin, die Südosttangente in Wien wird problemlos passiert, erst kurz vor der Grenze bei Drasenhofen/Mikolov gibt es ein bisschen Stau. Allerdings wird es jetzt bereits dunkel – die fortgeschrittene Jahreszeit ist nicht zu übersehen. Über teilweise holpriges Pflaster lenkt Martin souverän den langen Twin-Hänger an Brünn, Olmütz, Sternberg, Bruntal (Brauntal), Vrbno pod pradedem (Würbenthal) bis nach Mikulovice. Ach ja: Eine Umleitung zwingt uns quasi ins Gelände: Mitten durch riesige Wälder der mährischen Hochebene fahrend hoffen wir, dass nichts
passiert: Kein Haus weit und breit. Immerhin leuchtet uns der Vollmond den Weg.
Aber wo ist jetzt hier in Mikulovice der Flugplatz? Leider sind unsere Unterlagen doch etwas mangelhaft, wie wir gegen 23 Uhr feststellen. Das Navi hilft nun auch nicht weiter, die Tschechien-Karte ist viel zu ungenau. Michael, der bereits erfolgreich im Hotel eingetroffen ist, kann uns telefonisch auch kaum helfen. Er hat selbst eine Stunden im Finsteren nach dem Flugplatz gesucht. Na ja, nach etwa einer Stunde – zwischendurch koppeln wir den Hänger ab, um die Gegend hängerlos zu erkunden – finden wir endlich den Platz: Eine riesige Wiese auf einem Hochplateau, ein beachtlicher „Tower“, der zugleich Hotel ist und vor allem: Dutzende Hänger und Segelflugzeuge! Dann geht’s endlich ins Hotel, Michael sperrt uns auf, ein kurzes Bier noch. Das Quartier ist okay, die Nacht wird 370 Kronen kosten (= 15 Euro), Frühstück weitere 3,20 Euro.
Samstag, 23. Oktober
6.45 Tagwache, Waschungen, Zeug herrichten. Für 7.30 Uhr ist das Frühstück bestellt. Draußen ziehen schon die ersten hochinteressanten Wolkenstreifen auf. Dann zum Flugplatz, er liegt letztlich nur fünf Minuten vom Hotel entfernt. Schnell finden wir Vlasta, die fliegerische Chefin und Initiatorin des Vereins: Sie und Jirina als organisatorisch/finanzielle Chefin sind die Macherinnen des Wellenfluglagers, das es seit etwa 2005 gibt. Der Verein dahinter ist winzig: sieben fliegende Mitglieder, drei Blaniks. Am Platz geht es bereits rund: Drei Schleppmaschinen (Zlins) schaffen die 30 Segelflugzeuge in die Höhe.
Bei uns dauert es natürlich noch – Flieger aufbauen, checken etc. Aufbauhilfe beim Twin hat einen Patschen, dem Spornrad fehlt Luft – aber nichts kann uns aufhalten. Vlasta erklärt uns im Büro genau die Lufträume: Für die zwei Wochen gibt die Tschechei und Polen bei Wellenwetter ein Höhensegelfluggebiet frei, das bis in FL 245 reicht (normalerweise endet der Luftraum in FL 95). Der Flugplatz LKMI liegt bei 420 Meter Seehöhe unmittelbar an der polnischen Grenze. „If the clouds close, then fly direction North to North-east some 20 or 30 kilometres and than descend. In Poland is everywhere flat land.”, heißt eine Direktive. Vlasta nimmt ihre Aufgabe sehr, sehr ernst. Ohne Checkflug geht nichts – und wie sich zeigt, ist dieser Checkflug mit ihr (sie fliegt seit 25 Jahren und ist Fluglehrerin) bereits der erste Genuss.
MiHu schwingt sich als erstes in den (geräumigen) Twin, und los geht es. Die Sightseeing- Tour führt das Bela-Tal entlang zum etwa 11 Kilometer entfernten Hauptort des Altvatergebirges Jesenik (Freiwaldau). Dahinter baut sich die Kulisse der Altvatergipfel auf mit dem Predem als höchsten Berg (1420 Meter). Vlasta erklärt uns die markanten Geländepunkte und wie man sie ausspricht, die schütteren Außenlandefelder und wo die Wellen und Rotoren stehen. Von oben sehen wir in der Nähe von Jesenik ein umgedrehtes Segelflugzeug in der Wiese: Ein tschechischer Kollege geriet beim Außenlandung (an falscher Stelle) in die Starkstromleitung. Wie sich später herausstellt, blieb er fast unverletzt – ein kleines Wunder des Tages. Klar, das Vlasta extrem besorgt und beunruhigt ist – noch weiß sie nichts vom glimpflichen Ausgang dieser Außenlandung. Während ich mit ihr entspannt die Gegend erkunde – die Welle hebt uns sanft in die Höhe, wir brechen bei etwa 3000 Meter ab, ist MiHu bereits im eigenen Flieger
unterwegs.
Jesenik, rechts davon das Außenlandefeld, ganz im Hintergrund der Flugplatz (knapp rechts von der Bildmitte). Man sieht gut das Bela-Tal.
Außenlandung
Aber nicht lange! No risk, no fun – MiHu will sich nicht so hoch schleppen lassen, sondern gleich einen Rotor ausnützen und gegebenenfalls den Motor anwerfen. Doch daraus wird nichts: Er verliert rasant an Höhe, der Motor springt wegen der Kälte nicht an, MiHu sitzt nach etwa 5 Kilometer Flugstrecke auf der vorgesehenen (einzigen) Außenlandewiese in Bukovice, ein paar Kilometer südöstlich von Jesenik. Martin will ihn holen, ich soll mit Vlasta oben bleiben – aber ich kann im Twin nicht mehr erreicht werden. Nach etwa 40 Minuten lande ich mit Vlasta wieder. Jetzt steigt Martin ein, und ich mache mich auf die Socken, um MiHu zu holen. Mittlerweile ist auch klar, dass der tschechische Kollege überlebt hat – und Vlasta fliegt mit Martin zwei Stunden in der Welle: 5200 Meter erreichen die beiden, die Tragflächen werden mit Eis überzogen.
Ich irre unterdessen mit dem Hänger am Boden durch das unübersichtliche Gelände, finde dann nach einigen Abenteuern MiHu und wir packen zusammen. Das Wetter ist traumhaft schön, die Wälder ein einziges herbstliches Farbenmeer. Als wir am Flugplatz eintreffen, landet auch bald Martin, wir verstauen die Flugzeuge und plaudern mit Kollegen über den Flugtag. Einer war mehr als 9 Stunden in der Luft und kam auf über 7000 Meter. Allerdings: Englisch- oder Deutschkenntnisse sind hier Mangelware. Der Funk läuft praktisch nur in Tschechisch, man muss angesichts des gewaltigen Betriebes sehr, sehr aufpassen beim Landen.
Den Abend verbringen wir mit Bankomat-Suche (nur in Jesenik, auf der Straße rund 16 Kilometer von unserem Hotel entfernt) und Jause einkaufen und essen dann in unserem Hotel (gar nicht so schlecht) viergängig um 300 Kronen (12 Euro). Echt erschöpft geht es in die Heia.
Sonntag, 24. Oktober
Tagwache wieder 7 Uhr, Frühstück 7.30, um 8.30 am Platz. Heute ist das Wetter etwas anders als gestern, aber sehr gute Bedingungen. Diesmal sind wir NICHT die letzten im Grid. Allerdings ist es bei Wellenflug-Bedingungen egal, wann man startet: Die Welle trägt von früh bis spät. Schon am Boden erwartet uns eine eindrucksvolle Kulisse, nach dem kurzen Schlepp durch den Rotor in die Welle hinein umfängt uns Ruhe und Sonnenschein.
MiHu startet eben
Es geht hübsch hinauf: 1,5 Meter, 2 Meter, 0,8 Meter: Fliegerherz, was willst du mehr. Über dem Flugplatz ist ein großes freies Loch, sonst überall Wolkendecke. Wir steigen an den Wolkentürmen vorbei und achten darauf, vor den Wolkenfetzen zu bleiben, die sich ständig neu davor bilden. Die Groundspeed beträgt oft nur 15 km/h, wie Drachen hängen die anderen Flieger in der Luft. Flarm hat kaum jemand – offene Augen sind also gefragt. Während wir langsam und steigend nach Norden fliegen, beginnt sich plötzlich das Loch zu schließen. Nichts wie eine Etage hinunter. Würden wir gefangen werden, müssten wir tatsächlich den Ratschlag von Vlasta befolgen und blind nach Polen fliegen… Der Ausblick ist grandios, Sicht Ende nie. Nach Westen hin ist alles zu, im Norden und Osten ist streifenweise die flache polnische Landschaft zu sehen. Die Welle ist leicht zu finden und leicht zu halten, selbst für mich als Wellen-Neuling gibt es überhaupt kein Problem. Tief unter uns blitzt der Flugplatz herauf; er ist
sehr gut zu finden – Jesenik und das Bela-Tal sind wie Wegweiser zum Platz.
Twin-Schaden
Doch dann entdeckt Martin vom hinteren Sitz aus, dass sich bei Belastung eine Stelle in der Nähe der Klappen aufwölbt. Es ist kaum zu glauben: Hier, in ruhigsten Bedingungen, soll uns quasi irgendwie der Flieger aus dem Leim gehen? Aber Sicherheit geht vor, und wir steigen vorsichtig ab. Nach etwa einer Stunden sind wir wieder am Flugplatz – 3499 Meter haben wir als höchste Höhe erreicht und dabei bereits fleißig Sauerstoff geatmet. Dass ich frustriert bin, ist ein zu gelindes Vokabel. Wie kann das sein? Was ist da los? Ist es nur ein optisches Artefakt? Gab es das Problem schon zuvor? Für mich schließe ich das Fluglager ab; nach einer Telefonkonferenz mit KG bestätigt sich diese Annahme: Lieber nichts riskieren. Vor Ort machen wir noch Schwingungstests, aber die Flügelfrequenzen können uns nicht beruhigen. Das muss genauer angesehen werden.
Das Problem liegt in der Linie vom Klappenkasten weg zur Flügelhinterkante
Mittlerweile ist auch zu unserer Überraschung MiHu gelandet. Seine Sauerstoffversorgung funktionierte nicht – Müdigkeit war ihm das erste Warnsignal. Wir jausnen gemeinsam am Flugfeld im Auto, MiHu baut mit Martins Hilfe seine Sauerstoffversorgung um und startet dann erneut. Beim ersten Flug erreichte er 5900 Meter, beim zweiten werden es erneut 5300 Meter sein. Zur Kälte kann ich wenig sagen: Ich hatte keine Probleme, war aber auch nie so lange oder so hoch unterwegs. Martin las bei seinem Flug mit Vlasta minus 24 Grad Außentemperatur ab. Während wir die Flugzeuge abbauen und einpacken, herrcht reges Kommen und Gehen am Flugplatz. Die Schleppmaschinen sind den ganzen Tag im Einsatz. Längst ist beschlossen, am nächsten Tag in aller Ruhe heimzufahren: Montag und Dienstag ist Regen angesagt, der Twin ist ohnehin nicht startklar. Wir zahlen die Schlepps – meine Rechnung betragt für einen 16-Minuten-Schlepp 52 Euro, der zweite (geteilte) Schlepp knapp 20 Euro. Das wars auch: Keine Landegühren, keine
Abstellgebühren, keine Kurzmitgliedschaft. Dafür aber viel Betreuung, herzliche Aufnahme (wir waren übrigens die ersten Österreicher überhaupt, die an dem Wellen-Camp teilgenommen haben), ein paar nützliche Tipps und Adressen. Martin und Michi essen noch im „Tower“ eine angelieferte Pizza, ich verzieh mich ins Hotel. Ich bin momentan kein guter Gesellschafter und hätte wohl Schwierigkeiten, den Heldentaten anderer Kollegen zu lauschen. Abends sitzen Martin und ich noch lange in unserem urigen Gasthaus im Hotel (50-er-Jahre, mit Billard-Tisch) zusammen, MiHu holt Schlaf nach.
ein Teil des Flugplatzes, einige sind schon heimgefahren, weil Regen angesagt sind. Auf der anderen Seite des Towers sind noch einmal so viele Hänger, und der Hangar ist auch gefüllt
Montag, 25. Oktober
Heute gehen wir es gemütlicher an. Wir haben keinen Grund zur Eile. Die Autos haben wir schon gestern aufgetankt (Michael in Polen, wir in Jesenik), die Flugzeuge sind abfahrtbereit. Der Flugplatz ist ausgestorben, es regnet, es ist kalt und ungemütlich. Vor uns liegt eine weite Strecke. Martin entscheidet sich, statt über die Berge (Passhöhe 1100 Meter) lieber über Polen das Altvatergebirge zu umfahren. Ein Zwischenstopp in einem Kaff am Weg in einem trostlosen, aber auch urigen Wirtshaus. Bei Brünn treffen wir zu unserer Überraschung am Parkplatz MiHu. Er wollte sich Brünn ansehen, aber da gabs wenig zu sehen außer Baustellen. Vor der Grenze werfen wir unsere Rest-Kronen in den Rachen eines Ölmultis, und dann trennen sich unsere Wege. Drasenhofen, dann A22 nach Stockerau, Krems, Westautobahn bis kurz vor Linz. Nach kurzer Suche finden wir auch bei strömendem Regen tatsächlich die Schlögel-Werkstätte. Es ist beinahe 21 Uhr, und mit großer Erleichterung lassen wir den Twin-Hänger dort stehen.
Ein Stau vor dem Bosruck-Tunnel hält uns gut eine halbe Stunde auf, es schneit heftig, nach 23 Uhr sind wir endlich in Graz.
Die Fliegerhelden in Brünn am Parkplatz
Resümee: Es war wie erwartet ein Abenteuer, alles war dabei: Schöne Flüge, Aufregung, Außenlandung, nette Fliegerkollegen aus der Tschechei und Polen, vernünftige Kosten, abenteuerliche Straßen(-verhältnisse), tolle Organisation in LKMI, Welle wie im Bilderbuch. Noch nie sind wir so spät noch ordentlich geflogen. Nächstes Jahr wollen wir – besser gerüstet – wiederkommen. Wer macht mit?
Lg Norbert

03a Segelflieger SA

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